Reisen mit Worten

Quiring, Büttner, Thiel, Kampmann und Karsch, kurz QBTKK, saßen im Orm-Akkumulator auf Kepler-61b und starrten gebannt auf die Monitore. Sie waren mit Überlicht und Hyperdrive eine ganze Weile unterwegs gewesen und nun endlich an einem ihrer unzähligen Ziele. Quiring hatte die RDS auf die Spur der Gottessimulation auf Planet 9 gebracht. Das faszinierte die Fachwelt. Doch was sie nun sahen und erlebten, das überstieg alles, was ihnen in diesem Jahrhunderte währenden Trip durch Raum und Zeit und Raumzeit begegnet war. Der Weg war lang und führte sie über zahllose Stationen. Im nur 14 Lichtjahre entfernten System auf dem Exoplaneten «Wanderer» begegneten sie den Überresten eines anderen Temponauten, Dr. Michael Persinger, der es mit seinen Magnetexperimenten geschafft hatte, Beschränkungen der Lichtgeschwindigkeit zu umgehen. Allerdings nur mit dem Mundwerk. Sein Raumschiff, die Lamm Gottes, hob nämlich niemals von der Erde ab. Daher rätselten die vier, wie er es dennoch geschafft haben konnte, der Gravitationssenke seines Heimatsystems zu entfliehen.

Sie selbst hatten es mit dem unglaublichen Orm-Akkumulator geschafft. Er bot Platz für fünf Personen, so dass QBTKK bequem Platz fanden, denn Kepler-61b war noch nicht so weit, dass seine Atmosphäre für sie geeignet gewesen wäre. Nun schauten sie sich voller Ehrfurcht um und erlebten, wie in der habitablen Zone dieses unglaublich weit entfernten Systems das erste Leben erwachte. Es war zwar immer das gleiche, zumindest annähernd, aber es war auch immer wieder ein Wunder mit zugegebenermaßen rationaler Ursache. Karsch dachte an den Beginn von Musils «Mann ohne Eigenschaften». Da stehen die atmosphärischen Phänomene zueinander in Werten, und wir Menschen machen daraus ganz lapidar gesprochen schönes Wetter. Oft weiß man ja nicht, was man sagt. Dachte er. Persinger meinte, das Göttliche in uns messen zu können. Andere messen Intelligenz. «Ich muss mal Fieber messen», dachte Karsch. Ihm war nicht so gut. Das Reisen setzte ihm immer mehr zu. Und dabei wussten sie nicht einmal, wie es nun weitergehen sollte.

Sie hatten vergessen, wie sie das Fahrzeug zu betreiben hatten, das war schon einmal das erste merkwürdige Phänomen. Diese Unwissenheit trieb sie lange um. Also saßen sie jetzt schon tagelang und nächtelang beieinander und erzählten sich Geschichten darüber, was sie machten, wenn sie aus der Schwerkraftsenke entkämen und durch Raum und Zeit reisten. Denn sie glaubten zunächst, dass sie immer noch daheim wären. Zwischendurch snackten sie ein paar Riegel aus den Bordvorräten, denn sie waren zu faul, um den OA zu verlassen. Außerdem gab es hier ein Klo und fließendes Wasser, so dass sie nichts zu vermissen brauchten, und da sie bereits alles gepackt hatten, war ihr Glück vollkommen. Denn was gab es Schöneres, als beieinander zu sitzen und einander zuzuhören.

Den Geschichten eines jeden zu lauschen, war für alle das höchste Glück. Und mit Geschichten hatten sich Büttner und Kampmann eines Tages nach langer Trennung wiedergefunden. Sie hatten einen Auftrag und waren durch die Zeitnazis um ihren Auftrag, den Zweiten Weltkrieg mit Urlaubsbomben zu beenden, gebracht worden. Also irrten sie Jahrzehnte in unterschiedlichen Versionen des Universums. Der eine hielt Vorträge in der kalifornischen Wüste und rieb dabei die Intelligenzija rund um Michel Foucault auf. Der andere verlor sich auf Kongressen und fuhr verzweifelt Motorrad in der Toskana. Bei Karsch, es war der Hammer! Aber das ist eine andere Geschichte. Das erzählten sie sich. Und so erzählten sie und erzählten sie, und bemerkten nicht, wie sich nach und nach draußen alles veränderte und die Zeit verging und der Raum verging und die Raumzeit sich krümmte wie eine buckelnde Katze vor Nachbars Hund. Denn dass es dann doch so einfach war, hatten sie sich nicht träumen lassen. Sie hatten, ohne es zu bemerken, den Treibstoff für ihr Fahrzeug gefunden. Also fuhr es, und es brachte sie dahin, wohin sie es steuerten, was sie aber noch nicht genau kalkulieren konnten.

Irgendwann bekamen sie es dann spitz. Und dann erinnerten sie sich. Die RDS hatte dereinst, vor Beginn aller Zeitrechnung, in einem anderen System einen Stützpunkt. QBTKK imaginierten diesen auf Teufel komm’ heraus. Und nun waren sie dort auf Kepler-61b. Wie gesagt: nach sehr vielen Zwischenstationen. Und: Sie waren dem kriegerischen Durcheinander auf der Erde entkommen. Sollten die sich dort doch einfach die Köpfe einschlagen. Hier jedenfalls herrschte die Friedfertigkeit einer neuen Welt. Keine Gorks, kein Todesstern, keine Methans, kein Bröno Selfmachtiger-Spretz, keine Zeitnazis, keine Hairy Armpits.

Tichý war so fleißig und hatte auf seinem neuen Heimatstern bereits ein Museum für seine Fotografien erbaut. Die Besucherströme reißen nicht ab. Foto: Findlingsarchiv Kampmann

Auf einem Planeten, auf dem sie einen Zwischenhalt eingelegt hatten, verließen sie den OA und trafen auf ihren RDS-Kumpel Miroslav-Ijon Tichý. Auch gab es dort eine Bevölkerungsgruppe, die sich Eloy nannte. Die lebten von den reichen Quellen des Wohlstands, die ihnen ihr Planet schenkte. Gebratene Tauben, die direkt in die hungrigen Hälse flogen, waren nichts dagegen. Wenige Eingriffe hatten ausgereicht, um ein funktionierendes Gemeinwesen zu erzeugen. Es schien, als hätte sich der Traum einer echten RDS-Gesellschaft hier erfüllt. Tichý zeigte ihnen alles auf seine unnachahmliche, humorvoll-radikale Art. Er stolperte begeistert von einer zur nächsten Errungenschaft dieser wahrhaft erstaunlichen Menschen. Dieses Volk hatte es geschafft, vollkommen selbstgenügsam zu sein. So hatten sie Tichý aufgenommen, so erfreuten sie sich der Anwesenheit durch QBTKK. Tichýs Fotos waren natürlich wie immer der Brüller. Er hatte sich am Rand der größten Stadt ein Museum gebaut und genoss die Anerkennung, die ihm für seine Geisterfotografien zuteil wurde.

Gern wären QBTKK noch dort geblieben, aber dann mussten sie doch weiter. Also stiegen sie in den Orm-Akkumulator und ließen noch einmal alle Geschichten, die ihnen zu Gehör gekommen waren, Revue passieren. Und, man soll es kaum glauben, eine davon beschrieb die seltsame Begebenheit, wie Büttner und Kampmann als Abgesandte der RDS Lesungen aus dem Hauptwerk der Gesellschaft, «Radical Dude Society: Die fantastische Geschichte der Radical Dude Society durch alle Jahrhunderte» (nur 78 Euro), abhielten. Das musste einige Jahrtausende her sein, denn danach war nichts mehr wie es war. «Wir waren erstaunt darüber, was es alles jenseits von Krieg und Habsucht gibt», schilderte Vogon Slpmds. Und damit begann ein neuer Strang in der großen Erzählungsreise unserer Helden. Die Lesereise von Büttner und Kampmann war geboren. Aus einer Schnapsidee, wie alles. [Fortsetzung folgt vielleicht.]

Soundtrack: Frode Haltli, Bent Sørensen, Hans Abrahamsen – Air, ECM 2496, ECM New Series – 481 2802, 2016