Rapport vom ersten metalabor

Tag 06 – Kommunikation

– Die Sprache ist ein Virus.
Mit diesem Satz begrüßte Burroughs im metalabor die anwesenden Dudes. Er war mit seiner Entourage eingetroffen, um mit den Dudes seine Thesen, die er in DIe elektronische Revolution aufgestellt hatte, gemeinsam zu diskutieren. Für 1700 Uhr bestellte er alle in die Bibliothek ein. Es würde Whisky geben und Zigarren gereicht.
Der sechste Tag des metalabors widmete sich zum einen der Kommunikation und zum anderen der Frage, was die RDS für die Gesellschaft leiste.
– Aus welcher Not heraus wurde die RDS gegründet, fragte Foucault, für welches Problem kann die RDS eine Lösung sein?

Japanischer Garten

Basho lief seit Stunden im Kreis. Dabei ging er im Geiste sein wichtiges Werk Oku no Hosomichi durch. Er empfand, weit weg seiner Heimat, Sehnsucht nach den Tagen der Reise. Gerne würde er mit seinem Schüler die Wanderung erneut durchleben. Hier in den hessischen Wudang-Bergen war dies nicht möglich. Basho lief also im Garten umher und bildete sich ein, mit seinem Schüler auf Wanderschaft zu sein. Die Dudes ließen ihn gewähren.

Bibliothek

Großes Geschrei. Burroughs, mittlerweile schon erheblich angetrunken, blaffte Basho an, der seine Wanderung im Garten für kurze Zeit unterbrochen hatte, um den Dudes aus seinem Werk vorzulesen, er solle sich verkrümeln. Er, der große Burroughs, wolle jetzt Zigarre rauchen! Basta.

Parkplatz

Kerouac setzte sich in das Taxi, das Matze gechartert hatte, und lies sich im Kreis fahren. Er spannte ein Blatt Papier in seine Reiseschreibmaschine ein und begann wie im Delirium mit dem Schreiben. Zuvor hatte ihm Büttner 400 Blatt Papier derart präpariert, dass sie an der richtigen Stelle aneinanderklebten. Kerouac brauchte nun nicht jedes Mal, wenn er ein Blatt vollgetippt hatte, ein neues einspannen. So blieb er im Schreibfluss und konnte sich auf seinen neuen Roman konzentrieren. Burroughs schoss mit seiner Flinte auf das Taxi, verfehlte es aber.

metalabor-Bar

Haddock saß an der Bar. Er saß dort immer schon. Trank seinen Whisky. Fluchte. Burroughs setzte sich zu ihm. Trank seinen Whisky. Und fluchte ebenso.

Die Dudes hatten vor Anbeginn der Zeit diese Übersichtsgrafik auf Papyrus gedruckt und stellten sie als Plakate für Kartenständer an Schulen bereit.

WASTE

Trystero hatte schon vor vielen Jahren WASTE für alle Dudes bereitgestellt. So konnte er sicher sein, dass irgendwann das Monopol der Thurn und Taxis gebrochen werden könnte. Und, so Trystero, darüber hinaus ist WASTE für alle da.

WASTE war aber nicht nur die Geheimorganisation, die durch Pynchon aus dem Geheimen ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt wurde, sondern auch eine Konsole für die Fernkommunikation. FfK benutzten auf ihrer USA-Reise fast täglich den WASTE-Emulator und kabelten Kampmann. Kampmann wiederum befragte WASTE, um den Aufenthaltsort von Büttner zu ermitteln. Den Dudes, die WASTE betrieben, war es gelungen, die genaue Beschreibung und den Funktionsumfang von WASTE im Dunkeln zu belassen. Letzte Geheimnisse brauchte man einfach.

Traumpfade

Die Koori und Anangu tauschten sich mit Basho aus. Gemeinsam wollte man ein Buch der Traumpfade schreiben. Gary Snyder steuerte ein Paar Gedichte aus seinem Band Schildkröteninsel bei.

WAR ROOM

Beer war damit beschäftigt, alle Starts und Landungen von Flugzeugen auf der ganzen Welt auf einem KANBAN-Board abzubilden. Er wollte an diesem Beispiel aufzeigen, was das da draußen, genannt REALITÄT, wirklich war. Die minimalistischen Realitätsfetzen, die stark limitiert von den Massenmedien verbreitet wurden, waren ihm schon seit langem ein Dorn im Auge.
– Es geht um die Fülle, nicht um kleine Wirklichkeitsfenster, so Beer. Valentin wies ihn darauf hin, dass eben nur soviel passieren kann, wie in eine Zeitung hinein passt. Fülle hin oder her. Unbeirrt fuhr Beer mit seiner Weltbeschreibung fort. Skandale, Regelwidrigkeiten und abnormes Verhalten spielten dabei eine untergeordnete Rolle. Seiner Meinung nach gab der modernen Gesellschaft keine Hierarchie, kein Wertesystem und keine Tradition die Richtung vor. Dem Auseinanderdriften der Gesellschaft wollte er einhalt gebieten und das Feld nicht den Massenmedien überlassen.
Che applaudierte wohlwollend.

NOSE

NOSE war von WASTE in den vorläufigen Ruhestand geschickt worden. In der Fern-Fern-Kommunikation war NOSE allerdings unschlagbar. Kampmann griff, als er von Bröno in einer Zeitschleife gefangen gehalten wurde, zu NOSE, um Büttner zu warnen.

PILZ

Gerne wird PILZ das natürliche Internet der Erde genannt. Vor Anbeginn der Zeit hatten die Dudes mit den Mykologen weltweit Kommunikationsstellen eingerichtet. Jeder Pilz ist eine Kontaktbuchse in PILZ. Schon mit dem einfachen Joghurtbechertelefon können so Gespräche rund um den Globus geführt werden. Im Gegensatz zum nicht funktionierenden Erdtelefon konnte PILZ Botschaften, Nachrichten und Gespräche speichern.

Erdtelefon

Beuys erfand derweil im Keller des Grand Hotel Europa das Erdtelefon. Er nannte es auch Urobjekt. Ein Lehmklumpen, den er in einer Ecke des angrenzenden Kuhstalls gefunden hatte, symbolisierte die Erde. Nebendran stellte er ein Telefon mit Wählscheibe und steckte ein Verbindungskabel in den Lehmklumpen. Das Kunstmuseum Bonn erwarb das Objekt. In Betrieb ist es nie gegangen. Es hätte eh nicht funktioniert.

Plenum

Im Plenum diskutierten die Dudes die Frage, wozu es Massenmedien brauche und was passiere, würde man sie von eben auf jetzt abschalte. Zuvor wurde die Frage geklärt, ob die sogenannten sozialen Medien dazuzuzählen seien.
– Jeder kann einen Gedanken nur in seinem eigenen Hirn zu Ende denken, gab Maturana zu bedenken. Das sah Fassbinder, der heimlich ins metalabor zurückgekehrt war, anders.

Spoken Word

Mal ist es eine Performance, mal der Vorläufer des Internets. Dann dient es als Blaupause für Literaturveranstaltungen oder Slams. Die Dudes wussten, dass Spoken wie Unspoken Words die Basis für alles waren. Gesungen oder getanzt, egal.

Ghosting

Durch den drei Grundprinzipien der Massenmedien, Skandalisierung, Moralisierung und Personalisierung, war den Dudes nicht beizukommen. Schon vor der Internetära, wie auch danach, machten sich die Dudes einfach unsichtbar. Das Aktualitätsgesetz interessierte sie nicht die Bohne.

Hölle

Scherzhaft nannten die Dudes den tiefstgelegen Raum im Grand Hotel Europa Hölle. Dort versammelten sich gerne all die, die sich im zirkulären Dauersendemodus moralischer Empörung ereifern wollten.

– Wir können sie ja nicht ausschließen, es wäre doch nur ein Einschluss, ließ Büttner Fragende wissen.

Kummer und Relotius stimmten Büttner zu und schrieben an ihren nächsten Reportagen und Interviews.

Eine Parole, die sich Kummer und Relotius auf die Fahnen geschrieben hatten, beziehungsweise, die sie dem Punk-Proletariat entwendet hatten.

Abschluss

Kermit stürmte in die metalabor-Bar, fuchtelte wie immer wild mit seinen Ärmchen, brüllte Let’s Riot. Burroughs und Basho, die immer mehr Waldorf und Statler glichen, machten ihren obligatorischen Witz. Beckett sparrte sich seine Worte auf. Simon veröffentlichte seine Anleitung zum Populismus. Die Öffentlichkeit hatte sich als kommunikatives Regulativ selbst aufgelöst. Die autopoietische Geschlossenheit der Massenmedien lag in Trümmern. Derbe Zeiten sollten anbrechen.

Soundtrack: Gil Scott-Heron, The Revolution Will Not Be Televised, Small Talk at 125th and Lenox, Flying Dutchman/RCA, 1970

Nachtrag

Kermit und seine Freunde starteten spontan eine Polonaise durch den kleinen Ort in den hessischen Wudang-Bergen und skandierten: Sniff it all – collect it all – know it all!

Auf Jarons Mist wuchs die Erkenntnis, das es gelte ein Imperium zu schaffen, dass die Verhaltensweisen der Nutzer verändert, um damit Geld mit Vermieten zu machen. Das zugrunde liegende Prinzip der Anerkennung beschrieb schon Hegel im Auftrag der RDS in seinem Werk Phänomenologie des Geistes.

Die Dudes waren weiterhin bereit, ihr Leben zu riskieren, Todesfurcht war ihnen fremd. Ihre Leistung lag und liegt darin, das Auseinanderdriften der Gesellschaft durch die operative Erzeugung einer verbindlichen Hintergrundrealität zu verhindern. Heimlich bereiteten sie die Implosion der Massenmedien vor, um den vollständigen Transfer der Strukturen aus dem digitalen Kosmos in die sinnlich erfahrbare WIRKLICHKEIT abzuschließen.