In dieser Nacht träumen die Frauen von der Heilen Welt. Sie haben vergessen, dass die Zeitnazis die Macht übernommen haben. In ihrer Welt, in der sie Montag wiedertreffen, gehen sie gemeinsam durch eine Landschaft, die sich durch eine überaus menschengfährdende Wildheit auszeichnet. «Keine Schönheit ohne Gefahr», raunte Cat ihrer Gefährtin Bina zu. «Ja, das ist es wohl.» Die Schönheit ist überwältigend. Ebenso ist die Gefahr und damit ihre Gefährdung in einem überwältigenden Maß groß. In der Aue ist die breite Donau über die Ufer getreten und schwemmt das Land mit ihrem fruchtbaren Modder, Mulch, Bodensatz. Wie durch ein Wunder befinden sie sich in einem Einbaum, der sie durch die Wasser trägt. Montag und Bina synchronisieren ihre Bewegung. Die Staken ins Wasser. Die eine links, der andere rechts. Cat hält das Ruder. Was versteht man unter dem «archaisch»? Das fragt sie sich gerade. Es wird ihr nicht deutlich, es wird ihr nicht einsichtig. Sie passieren in einer weiten Kehre die Ruine der Walhalla, die nicht der Götter- und Untotenhimmel daherphantasierter Anwendungen eines aufkeimenden Nationalismus, der Prä-Nation-Building-Phase, ist. Komma ist: keine Verklammerung, keine dauernde Gehhilfe für Sprachanfänger. Es ist erschütternd, denkt sich Bina, dass es so kommen musste. Die Zeitnazis hatten alles gesprengt, was ihrer Sprachdiktatur nach «Altkultur» oder «Altregierung» schmeckte. Interessant, denn sie waren so alt, wie sie gar nicht werden können. Dass sie damit einem Scharnhorst und anderen den Garaus machten, hat sie nicht sonderlich irritiert. So sind eben diese Gestalten. Es interessiert sie nichts, und es ist das Fehlen eines Willens zum Wort, obschon: Am Anfang war das Wort. Es war nicht bei ihrem Gott. Und auch nicht woanders. Denn das Wort ist frei. Es ist der Kosmos grammatischer Freizügikeit. Es ist das Universum der Träumenden. Der Mutigen. Es ist das All der Liebenden, die etwas zu sagen haben. Es ist die Welt der Befreiten vom Geschwätz der Plapperer. Was sie, diese anderen von der anderen Seite des Worts, interessiert, das ist Gewalt in Ausübung, Gängelei anderer, Rechthaberei und so weiter. Ja, da ging es den dreien durch den Kopf: Wir haben etwas verloren in den vergangenen Jahren. Wir haben uns ohne Grund gerichtet. Von Richtern, die kein einziges der überlieferten, ausgehandelten, verbesserten und wieder installierten Gesetzen respektieren. Wie soll auf diese Weise etwas entstehen, das ansatzweise den Problemen der Gegenwart gerecht wird?
Wir staken mit dem Einbaum durch die Auen. Es geht von Barbing in Richtung Friesheim. Wir besuchen heute die versunkenen Stätten. Hier lebt nämlich niemand mehr. Alle sind auf die Donaustaufer Seite des Flusses gezogen. Dort steigen die Hügel an. Wenn man also einmal nicht die Augen geradeaus in Flößerrichtung lenkt, sondern sich mit dem gelegentlichen Luxus der Abweichung gewohnheitsmäßigen Blickrichtens beschenkt, erkennt man, dass links und rechts von der Walhalla in Trümmern das ansteigende Gelände der Hohen Linie bewachsen ist mit Häusern. Im Traum geht natürlich alles drunter und drüber, denn als ich nach links über den Fluss schaue, spielen die Zeitnazis keine Rolle mehr. Die waren niemals da, weil sie von Prinzessin Margaret und ihren Hairy Armpit Armada längst zum Teufel getrieben wurden. Von diesem widerständigen Akt profitieren heute alle. Das Ereignis, wie dann die Zeitnazis fortgejagt wurden, war blutig und grausam. Montag hatte immer wieder gesagt, dass er das nicht toleriere. Der ewige Konflikt der Ethiker. Sag mir wo du stehst. Und stehst Du auf der Seite, die zum Schutz von Kindern und Schutzbefohlenen Gewalt anwenden, kannst Du abdanken. Irgendwann hatte er bekanntermaßen selbst das Schießen erlernt und sich vehement gegen die Unterdrücker zur Wehr gesetzt. Jetzt sind wir im Frieden einer anderen Zeit und in einer anderen Dimension. Die Menschen leben an den Hängen, da der Fluss das Recht bekommen hat, seiner eigenen Wege zu gehen. Begradigungen wurden geächtet, und daran hing die gesamte Wirtschaft des ehemals prosperierenden Landes. Die Geduldigen meinten: «Das wird schon noch.» Und ja, natürlich wurde es, aber anders. Ist ja immer so.
Die Dämme sind gebrochen. Landwirtschaft findet keine mehr statt. Hinter den Kehren des Flusses, hier mehr Richtung Mintraching zu. Da wurden die Natürlichkeitsmärkte etabliert. Das sind Systeme und Strukturen des Wirtschaftens, die jenseits des früher herrschenden Monopolkapitalismus menschen- und nicht klassenzentrierten Anbau praktizierten. Durch die Renaturierung der Flussläufe kam wetterbendigte Willkür ins System. Aber die Menschen haben gelernt, damit zu leben. Und das ist wie früher. Wie in einem Früher, das wir uns heute nicht mehr greifbar vorstellen können, weil die Großeltern, die Zeitzeugen schlicht verstorben sind. Die Dämme sind gebrochen. Wir singen andere Lieder.
Soundtrack: Electric Light Orchestra, Out of the Blue, Jet Records, JT-LA823-L2/UAS 30 309 FT, 1977