Ein Mann liegt am Boden. Ein Stiefel drückt ihn auf der linken Schulter zu Boden. Der Mann am Boden sieht den Menschen in den Stiefeln nicht. Es sind mehrere Menschen, die ihn am Boden halten. Es tut ihm jedes Organ, jeder Knochen im Leibe weh. Diese schwarzen Uniformen. Wie ist das alles gekommen? Wie konnte es so weit kommen. Der Mann erinnerte sich schemenhaft an die Minuten zuvor. Also bevor die Tortur ihren Lauf nahm. Er wusste jedoch nicht, warum man ihn aus dem Zug gezogen hatte. Wie an jedem Werktag fuhr er auch heute zusammen mit all den Pendlern in die Stadt. Er führte ein angenehmes Leben, sah man einmal von den Handwerkern ab, die gerade überall im Haus die alten Leitungen aus der 1960er-Jahren entfernten und durch neue, haltbarere ersetzten. Die Familie beschwerte sich. Die Familie schimpfte. Die Familie klagte. Das ging immer so. Er war es gewohnt. Also fuhr er unbeschwert in die Arbeit, denn er musste das Geld verdienen, mit dem die Renovierungsarbeiten bezahlt werden konnten. Seine Lebensgefährtin und Ehefrau arbeitete in ihrem Studio in der Garage und tätowierte. Viel zu klagen gab es im Grunde nicht. Sie kamen schon über die Runden. Nicht mehr, nicht weniger. Sie zogen drei Kinder groß. Nicht mehr und nicht weniger. Sie liebten sich, fuhren alle zwei Jahre in einen größeren Urlaub, aber der erwachsene Sohn begleitete sie nicht mehr, denn er zog es vor, mit seinen Freunden lange Motorradtouren zu fahren. Und jetzt dies. Nein, telefonieren dürfe er nicht. Sagte man ihm später, als er sich in einem dunklen Raum mit rohem Ziegelwerk wiederfand. Schürfwunden im Gesicht, an den Armen und sonst überall. Er spürte nicht jede Stelle. Die Schmerzen waren stark, aber nicht unerträglich. Jedoch funktionierten sie wie Verstärker des psychischen Drucks, den er jetzt auszuhalten hatte. Jetzt war er also auch in die Fänge der Häscher geraten, die ohne einen gerichtlich verordneten Auftrag Menschen einsammelten und vor einem Gericht, das es nicht geben sollte, nicht geben durfte, die in Ungnade Gefallenen anklagten. «Nun stellen sie sich mal nicht so an. Einer muss schließlich mal drankommen. Heute sind sie das eben», sprach der Mann. Er stand im Dunklen. Ohne dass der «Angeklagte» es gesehen hatte, stand der Typ, wie aus dem Nichts materialisiert, dort im Halbschatten. Eine Silhouette bloß. Ein Phantom. Niemand hatte den Mann, den Angeklagten, den Familienvater, den Nachbarn, den ordentlich wählenden Bürger verleumdet. Niemand. Und doch war er hier.
Das gesamte Team des RDS war in Aufruhr und musste fliehen. Montag mutmaßte, dass er sie dennoch wiederfinden würde. Denn Trsteno war nicht mehr. Dieses Refugium, das sie früher für Versammlungen genutzt hatten, die nicht geheim gehalten werden mussten, konnten sie abschreiben. Zumindest sollten sie sich dort ein paar Jahre nicht blicken lassen. Es stellte sich nur die Frage, ob es für ewig sein würde. Montag machte sich Sorgen: um die seinen, die Mitarbeiter, die Schutzhelfer, die dafür sorgten, dass der Betrieb lief und es immer so aussah, als ob das Terrain einem botanischen Universitätsinstitut gehörte. Was natürlich der Fall war, aber niemand außer die RDS wusste, dass die Räume für präkonspirative Treffen genutzt worden waren, die heute nicht mehr so stattfinden konnten. Und wenn seine Leute nun nicht hier im Hotel wären. Er schlenderte in Gedanken weiter und hatte überhaupt keinen blassen Schimmer, wie es weiter gehen sollte. Es gab diese Spur. Anscheinend war die RDS von Karsch informiert worden. Also mussten alle hier sein, Dienstag inklusive. Koločep, die Insel im Mittelmeer. Captain Montag hörte schon von Weitem die soften Klänge eines wohltemperiert gespielten, enorm coolen Saxofons. Langsam schlenderte er auf das Hotel zu. Die Wellen rauschten ans Land. Stetig und in einem Continuo, das ihn beruhigte. Das Wetter war angenehm. Die starke Hitze der vergangenen Tage und Wochen wich einem milden, vom sanften Seewind geprägten Klima. Es flirrte ein wenig. Das hätte auch die aufgewärmte Luft des späten Mittags sein können. Montag dachte an einen kleinen Kaffee, an etwas zu essen. Dann schritt er durch eine Art Vorhang. Kaum sichtbar war er. Spürbar ohnehin nicht. Als er hindurch war, hörte er nichts mehr. Er drehte sich um. Die Badegäste waren verschwunden. Die Fenster des Hotel Europa erinnerten an schwarze, tote Augenhöhlen. Er musste aus der Zeit gefallen sein. Vorsichtig ging er in die Hocke, nachdem er sich umgedreht hatte, um herauszufinden, ob sonst noch jemand hier war. Fehlanzeige. Er legte sich auf die Steinplatten, die den Weg zum Haupteingang bildeten. Umgehend schlief er ein. Dann träumte er von saftigen Blättern, von Früchten der Freude, Lust und Gier. Und er begann, sich zu laben. An gigantischen Brombeeren und phänomenalen Nektarinen. Mit seinem tonnenförmigen Körper und den Stacheln überall, mit seinen schillernden Farben galt er allen als Warnung. «Ich kann auch anders», sollte das heißen. Dann verlor er endgültig das Bewusstsein und schaute durch eine papierne Hülle in ein Licht, das durch die Membran gefiltert wurde. So war er zufrieden. Er musste sich weder bewegen noch sonst etwas tun. Was Montag erlebte, war ein stetes Dasein in Zeiten und Erscheinungsformen des Wandels, das er in Gedankenlosigkeit und innerer Übereinstimmung mit der äußeren Gestalt als harmonisch wahrnahm. Der Krieg war vorbei. Die letzte Schlacht geschlagen. Aber davon wusste er nichts mehr in diesem besonderen Augenblick. Er ahnte nicht, was die RDS gerade im Hotel Europa erlebte, denn wieder einmal hatte er sich, ohne es zu wollen, ohne es beeinflussen zu können, aus dem Staub gemacht. Wieder einmal. Das würden sie ihm wohl niemals verzeihen. Und damit wäre seine Zeit in der RDS beendet. Er hatte sich verstohlen aus der Affäre gezogen.
Als er aufwachte, spürte er die Leere. Er sah sich um. Vor ihm lagen geschätzte 30 Meter bis zum Hotel. Und ein gehöriger Zeitdruck, den er nicht zu verorten verstand. Die Palmen raschelten. Das Meer rauschte. Sand zwischen den Fingern, den Zehen. Es war kühl. Geschätzt maximal 15 Grad. Eine Art Wintertemperatur. Dreck bröselte von seiner Backe, als er sich langsam umdrehte. Er hatte auf dem Bauch gelegen, das Gesicht im verdorrten Rasen am Wegesrand. Montag musste umgekippt sein, und man hatte ihn liegengelassen. Er zog die Beine an, versuchte aufzustehen. Leicht fiel ihm das nicht. Er konnte sich nicht den Hauch einer Vorstellung davon machen, wie lange er hier auf Koločep gelegen hatte. Es war alles anders als bei seiner Ankunft. Er blickte sich um: Er konnte keine Menschen entdecken. Eigentlich unmöglich. Das größte Jazzfest Kroatiens, und kein Mensch tummelt sich in dieser schönen, geradezu musischen und erregenden Atmosphäre eines altmodischen, postsozialistischen Badeorts? Langsam erhob er sich wie nach einem Sturz vom Rad. Seine Beine waren lahm, als wäre er gerade 150 Kilometer auf zwei Rädern unterwegs gewesen. Schultern, Nacken, alle Gliedmaßen, Hände schmerzten. Ganz zu schweigen von dem dröhnenden Kopfschmerz. Er überwand sich und atmete tief durch. Immerhin, die Luft war atembar, leicht, mediterran – wie auch sonst – gewürzt und salzig. Das Meer rauschte in seiner ewigen Bewegtheit immer noch. Oben am Himmel weißelte es verschmutzt gräulich dicht gewölkt. Wenn es ihn nicht täuschte, war hier die Winterzeit eingekehrt. Das unterstrich seine Kleidung. Anders als zur Ankunft trug er nun eine lockere, wenn auch verdreckte Steppjacke, einen Hoodie, Merch von der ESA. Und er steckte in seiner obligatorischen 501. Dazu ein Pärchen schnieker Sneaker. Wäre er nicht so schmutzig, könnte er glatt aus einem Katalog für casual Klamotte und Sportswear ins Leben getreten sein. Er klopfte sich von oben bis unten ab und bemerkte, dass er sich auf diese Weise wieder gesellschaftstauglich ins Leben zurück putzen konnte. Das aber änderte nichts an dem faden Geschmack in seinem Mund. Er wurde den Eindruck nicht los, als wäre er gestorben und, paradoxer- und hinterhältigerweise mit den Sinnen der Lebenden ausgestattet oder verflucht, in eine Art private Vorstellung vom abweisenden Paradies übergewechselt. Er brauchte einen Spiegel, eine Zahnbürste und -pasta, viel Kaffee und einen Plan. Und er brauchte Übersicht. Doch zunächst rappelte sich Montag auf und torkelte halb die letzten Meter zum Hotel.
Auch in der Lobby herrschte gähnende Leere. Paneele waren aus der Decke gebrochen und hingen herab. Bereits das Entrée zeigte arrogant den Zerfall an, die Reife zum Abriss. Hier spielte einst die fesche Musik und die Avantgarde, aber heute war es das Zuhause des eingebildeten Todes. Eine zentimeterdicke Staubschicht auf dem Boden. Teppiche, die bessere Zeiten gesehen hatten, lagen ausgetreten, angegraut und fleckig über teils auf- und ausgebrochenen Fliesen. Lesen oder etwas erkennen konnte man nicht mehr. Früher sah man das Wappen der Republik Kroatien im Gewebe. Es musste einen Wasserschaden gegeben haben. Der ehemals massivhölzerne Tresen war in sich zusammengefallen. Teile sahen aktuell aus wie Schwemmholz. Der Lüster im Zentrum, einst ein Meisterstück des sozialistischrealistischen Designs, hing an einem letzten Rest Kabelstrangs. Dämmer, punktierte Luft. Staubsymphonie, was sonst? Montag traute weder sich, seinen Sinnen noch dem Bild, das er sah. Diese Stille: keine zirpenden Zikaden, keine bellenden Hunde oder gackernden Hühner. Weder hupende Autos noch trötende Schiffshörner. Kein Johlen, Kreischen und Pfeifen von spielenden Kindern am Strand. Keine Rufe verzweifelter oder aufgebrachter Eltern. Und natürlich keine Musik. Hier spielt gar nichts mehr. «Ich bin ein Zombie; ich bin untot.» Montag verzweifelte. Wie viel Geduld würde er noch aufbringen können. Hier übrigens erwartet kein Portier seine Anmeldung. Wasser bekäme er nicht aus den Leitungen, sollte es hier wirklich so übel um die Zeit bestellt sein, wie er mutmaßte. In seiner lockeren Kleidung steckten weder die Geräte, um NOSE, REST, PILZ oder WASTE zu kontaktieren. Die mussten ihm weggenommen worden sein. Noch hatte Montag einen Anhaltspunkt, wie es weitergehen sollte. Auf Koločep würde er nicht bleiben können. Er musste sich weiter umsehen. «Alles eine Frage der Zeit», sprach er zu sich, verließ durstig, hungrig, aber zum Glück nicht mehr ganz so tiefenmüde das verrottende Gebäude und kehrte also dem Grand Hotel Europa den Rücken zu, wanderte in Richtung Hafen und überlegte, wie er aufs Festland kommen würde.
Nach wenigen Minuten, die Montag an der Mole entlang schlenderte, als befände er sich in der herrlichsten Überwinterung an der Adria, erreichte der Time Traveller wider Willen das Halbrund des kleinen Hafens, bewegte sich auf den Anleger zu und drehte sich im Kreis. Es überkam ihn der Eindruck, dass hier weniger verheerende Zeitspuren hinterlassen wurden. Das Meer war ruhig. Ein stetiger, leichter Wind wehte von Dubrovnik aus auf die Insel zu, und Montag fragte sich, ob es ein Unwetter geben würde. Mittlerweile sehnte er sich nach echtem Land. Das Gefühl, mindestens 100 Jahre auf der Insel verbracht zu haben, überkam ihn wie der Flashback einer Droge, die er nie genommen hatte. Letztlich war es die Sehnsucht nach einer Normalität, die es in Montags Welt wohl niemals geben würde. Und Sehnsüchte hatte er viele. Dieser immer währende Teenager, der niemals zu träumen aufgegeben hatte. Er kehrte ins Innere und sah wieder Menschen. Wie schön es hier war! Er dachte an den Olivenheini. Ihm fielen die zahlreichen Begegnungen auf dem Eiland ein, die seine Vorstellung von Dasein bereicherten. Es ist nicht das Alleinsein, das ihn verrückt machte. Es ist die Vorstellung, dass es sich nicht mehr ändern würde. Was wäre wenn? Ein einziges Boot lag am Anleger. Ein schönes Fahrzeug. Der Katamaran sah merkwürdig aus, aber einladend. Ein wunderschönes Stück Technik. Am Heck befanden sich keine verdreckten Rohre. Das also war das Neuste. Ein Elektroboot. In der Dimension? Jetzt ging ihm ein Licht auf: Es musste ihn in die Zukunft verschlagen haben. Wieder einmal. Und war das nicht der vergessen geglaubte Vergil K., der dort vorn stand? Montag erkannte ihn sofort wieder, obwohl er nicht im Zweiten Weltkrieg war. «Vergil? Du bist es, oder?» Er musste sich zurückhalten, um nicht gleich einen Strom an Worten ins Luftmeer strömen zu lassen. Sein Gegenüber nickte nur sanft und zeigte auf den Steg, auf das Boot. Wie ist das, wenn man sich in den Gezeiten trifft? Kumuliert dann eine Krümmung so etwas wie Masse, um diesen Effekt hervorzurufen? Und betrifft solch ein Ereignis nicht das gesamte Universum? Er musste das alles nicht aussprechen. Vergil K. wusste ja, um was es ging. «Frag nicht. Wir wissen es selbst nicht. Immer noch nicht. Allerdings hast Du nun die Möglichkeit, diese Insel zu verlassen. Sie hat sich wieder einmal als das erwiesen, was nur wenige wussten und ahnten: Sie ist und war eine Sackgasse. Eine schöne zwar, aber eine Sackgasse, und ich bin hier, dir einen Ausweg zu ermöglichen, denn es ist davon auszugehen, dass du nicht ewig hierbleiben möchtest, allein, kontaktlos ohne Lebewesen.» Wie recht er hatte. Captain Montag holte sich Rat bei ihm, wie es nun weiter gehen könnte, und nahm das Boot, aber nicht, um nach Dubrovnik zu fahren. Er wollte nun die Adria queren und nach Italien fahren. Es musste sich endlich etwas ändern. Es ging nicht mehr weiter, dieses ewige Springen in der Zeit, das ihn aber stets im Kreis führte und ihn nur immer weiter von der Menschheit und den eigentlichen Fragen trennte, die er zu beantworten suchte. Er hatte sich mittlerweile so weit von Dienstag entfernt, dass er gar nicht mehr vorhatte, die RDS und den ganzen anderen Haufen, den er in Trsteno vor gefühlten Jahrzehnten verlassen hatte, wieder zusammen zu führen. Er begann damit, sich zu verselbstständigen. Loslassen. Einfach nur loslassen. Er landete schließlich nach einer ruhigen, aber sehr regnerischen Überfahrt von circa 88 Seemeilen nach acht Stunden bei circa elf Knoten an der Küste von Vieste. Vergil legte an, und Montag wollte gleich losgehen, aber sein Führer stoppte ihn unsanft, indem er ihn am Oberarm festhielt: «Lass es, Montag. Nicht so schnell. Du wirst Zeit brauchen, um den Ort wieder in den Takt zu bringen. Jetzt und hier ist es unmöglich, durch Schlaf Einfluss zu nehmen. Jetzt ist Deine Geduld gefragt», erklärt Vergil. Zufrieden gab sich sein Schützling damit nicht: «Ich verdurste, ich verhungere, ich bin seit zehn, zwölf Stunden wach. Das Boot war leer. Es gab nichts. Was soll ich denn tun?» Dann erklärte ihm Vergil das Wunder. Dass er so lange nichts zu essen oder zu trinken brauche, so lange er in diesem merkwürdigen Zeitzustand lebe. «Erst wenn Du wieder in Deiner Eigenzeit bist, wirst Du Verpflegung brauchen. Das wiederum setzt Geduld voraus. Und das Vermögen, sich anzupassen. Capisce?»
Soundtrack: GusGus vs. T-world, 4AD, CAD2KO2CD, 2000