Da standen sie vor dem geöffneten Riesentor. Und ihnen gegenüber wimmelten Gestalten. Der Atem stockte. Allen. Also mehr oder weniger. Dass sie ohnehin nicht ganz Herrinnen ihrer Gliedmaßen waren, lag an der merkwürdigen Schwerkraft. Sie hatten zwar ein G, aber es gilt bekanntermaßen a=ω2r. Das kann, muss aber nicht zu Schwindelkeit oder anderen merkwürdigen Phänomenen führen. Also, die haben das eingerichtet, dass es sich 1,34 Mal pe Minute dreht. Damit sind die Leute bei einem G. Heiliger Coriolis. Mir wird übel, wenn ich es mir vorstelle. Raumfahren ist Murks. Aber da stehen sie nun mal. Sechs Füße auf dem Boden, gelegentliche Wahnvorstellungen kostenfrei dazugeliefert. Bewegungen bitte nur langsam durchführen. Sonst kommt Schwindel. Also, sie standen mit dem gesamten Raumstationsschwerkraftmist vor einem riesigen Tor, schauten in den Raum, der sich vor ihnen öffnete. Das sind im Radius über den Daumen 500 Meter, ging Montag durch den Kopf.
Bei seiner gegenwärtigen Pace würde er zwei Minuten benötigen, um hier quer auf die andere Seite zu gelangen. Das wäre Zeit genug, um ihn abzuknallen. Aber was wollten sie schon da drüben? Die mäßig helle Beleuchung ließ auf Seitenlicht schließen. Also war die Halle zu hoch, um sie direkt von oben zu erleuchten. «Was ist das eigentlich für ein Geruch?», fragte er Cat und Bina. «Tja, das haben wir uns auch schon gefragt. Aber viel interessanter ist das Bild vor unseren Augen. Oder siehst Du das nicht?» Bina sah Cat an, Cat sah Bina an, und sie lachten. Männchen. Mechanik, Fluggeräte, ein Hangar. Oder Kisten, Stapel, Verpackungen: ein Lager. Grün, Buntheit, frischer Duft, Gewusel: Das hier war ein gigantisches Gewächshaus. Wunderbare Vielfalt. «Himmel, man kommt sich vor, als wäre man auf der Arche Noah», fasste sich Cat.
Dann die Vögel. Und über allem ein diffuser Himmel. Denn von einer Decke konnte nicht die Rede sein. Entweder war es eine Simulation, dann aber eine herausragende. Oder es handelte sich um eine große Bemalung, Bewandung. Nein, es war so oder so eine Simulation. «Ich habe einmal in einer Ausstellung eine Installation gesehen, die aussah wie eine Wolke. Das war auch eine. Im Taschenformat, im Ausstellungsraum. Das hier ist wahrscheinlich die kommerzielle Fassung», sinnierte Bina. Ein Schwarm Sperlinge zog knapp über dem Boden über ein Teilstück der an eine Alm erinnernde Wiese. Am Saum standen Büsche, die langsam in einen Wald führten. Inmitten dieser Landschaft graste Rot- und Damwild in Eintracht. Der Gesang der Lärchen erfüllte die Luft. «Wie wird das im Gleichgewicht gehalten?», fragte Bina. «Finden wir’s heraus», meinte Cat und ging hinein.
Soundtrack: Ludwig van Beethoven, Symphonie Nr. 6 F-Dur op.68 «Pastorale», Wiener Phliharmoniker, Claudio Abbado, Deutsche Grammophon/Polydor LC0173, 419 779-2 1988