Volterra

Nach wenigen Kilometern erreichten sie Volterra. Anfahrt hinterrücks vom Bahnhof. Sie stellten die Bikes dort auf dem Schotterplatz ab und gingen in ihren schweren Stiefeln in Richtung des Stadttors, das die Widerständler bis zum bitteren Ende verteidigt hatten. Damals in den zwei schlimmen Jahren zwischen 1943 und 1945. Trügerisch ruhig schien es heute zu sein. Aus dem Tal war kein Laut zu vernehmen. Ein Hubschrauber kreiste, und noch einer ventilierte weniger lauthals von weiter entfernt. Wenige Menschen waren auf den Straßen. Es schienen ausnahmslos Touristen zu sein. Er kam sich selbst vor wie einer. Den Helm an der Hand, die Lederkombi schwer anliegend bei der Witterung. «Wir trennen uns hier», sagte Bob. Die Trauer steckte in ihnen. Und es schien alles viel mehr als das zu sein. Die mutlose Verzweiflung über das Wissen, dass die Menschen dann doch immer wieder dazu neigen werden und würden, sich und andere mir nichts dir nichts zu verletzen oder umzubringen. Bei allem Fortschritt: Die Menschheit kommt aus dem Stadium der Unzulänglichkeit niemals heraus, dachte Bob und umarmte Kampmann, klopfte seinem Sohn an die Schulter, wendete den Blick zum Stadttor zurück und machte sich dann mit Chris auf den Weg zurück zu den Bikes auf dem Parcheggio «Stazione».

Der Bahnhof in Volterra, so wie ihn Kampmann sah. Foto: Familie Kampmann

Kampmann hielt inne. Was hatte er hier verloren? Er wollte zu den Anarchisten von früher, wollte zum Spazio Libertario Pietro Gori, Via Don Minzoni 58. Dort waren sie immer alle. Doch jetzt am Ziel sah er sich um und in die müden Gesichter von Touristen. Das Sirenengeheul war längst vergessen. Der Alltag in diesen Teil der Disney World zurückgekehrt. Dennoch ging er die Straße aufwärts Richtung Zentrum und sah die Buchhandlung auf der linken Seite. Er musste lächeln, als er die naiven Sticker auf der Tür kleben sah. Das war schon recht niedlich, aber sehr realitätsfremd. Sie waren unter uns, und spätestens seit dem Vorfall auf der Landstraße war er auch von den fundamentalistischen Gedanken roter, haariger Biker geheilt, die ihren Widerspruch auf zwei Rädern stets unter sich hatten oder sogar als erweiterten Körperteil definierten. Sicher war die Gegenwart, in der er sich zu befinden vermeinte, geprägt von diesen Ambiguitäten. Gewerkschafter beispielsweise krähten wie die Hähne, wenn Arbeitsplätze in der fossilen Brennstoffindustrie verloren gingen, aber die Hunderttausenden, die aufgrund der politischen Versäumnisse in den erneuerbaren Energien verloren gingen, interessierten sie keinen Deut. Das sollte einer kapieren. Und genauso konnte es die hart gesottenen Altlinken zur Verzweiflung bringen, wenn sie registrierten, dass ihre Anführer plötzlich dicke Karren fuhren und Cohibas rauchten, die sie im Edelholzhumidor ihrer Parteizentralen aufbewahrten. Die neue Solidarität mit Kuba, oder so. Das war er leid. In gewisser Weise war das zwar ein ehrliches Zugeständnis an die normative Kraft faktischen Widerstands. Aber es hinterließ Unbehagen, genauso wie Verzweiflung. Denn wer sollte nun für die außerparlamentarische Gerechtigkeit sorgen? Und was wäre, wenn es diese gar nicht gäbe? Kampmann hörte das Palavern aus der scheinbar zugesperrten Buchhandlung. Einer war zu hören. Ganz von hinten, das war sicher Beuys, und der krakeelte: «La rivoluzione siamo noi!» Es war zu viel, also beschloss er, sich wie ein Tourist zu verhalten. Und er schlurfte in seinen Dainese-Stiefeln weiter, um in einem Freisitz auf der Piazza XX Settembre zu suchen.

Und er hörte aus den hinteren Räumen Beuys rufen «La rivoluzione siamo noi!» Dann machte er sich ganz schnell vom Acker. Foto: Familie Kampmann

Nachdem er sich gesetzt und einen Doppio bestellt hatte, holte er den dritten Band des «Leviathan» aus dem Rucksack. Die Clarendon-Ausgabe war unübertroffen. Er schlug Seite 956 auf und vertiefte sich in die Lektüre. Darüber vergaß er Zeit und Raum. «And from hence it comes to passe, that men have no other means to acknowledge their own Darknesse, but only by reasoning from the un-foreseen mischances, that befall them in their ways; […].» Sire, bitte, hören Sie nicht? Sire, bitte, wachen Sie auf. Es ist Zeit. Wie bitte? Ich weiß nicht. Was?